Samstag, 5. Dezember 2009

Musikfernsehen ist nicht immer scheisse...

Fünftes Türchen

Am Stiefelputzsamstag erzählt Jenz Steiner, wie er sich für den Erhalt seiner Lieblings-HipHop-Sendung auf dem von der Abschaltung bedrohten Ex-DDR-Jugendsender DT64 den Arsch abfror und dabei sein Herz verlor, während andere beherzte Berliner zu härteren politischen Mitteln griffen.


Weihnachten 1991 verbrachte ich, abgesehen vom Festessen daheim, fast vollständig frierend am Haupteingang des Berliner Fernsehturms, an der Mahnwache für den Erhalt von Jugendradio DT64. Klirrende Kälte, rauschende Radios und knisternde Stimmung. Wir sammelten massig Unterschriften und schlürften Tee aus Thermoskannen und NVA-Feldflaschen mit Einstrich-Keinstrichtarnmuster. Andauernd brachten Leute Spenden: Suppe, Brötchen, Kerzen, Kuchen, aber auch Decken und Schlafsäcke.
Ich verliebte mich dort ein bisschen in die süße Lola, ein Hippie-Mädchen aus meiner Parallelschule. Oh, die hatte so volle Lippen, lange dunkle Haare, eine Stubsnase, einen lustigen, aber ruhigen Blick und so einen hässlichen olivgrünen Armee-Parka wie ich. Auf ihrem stand „We want more DT64“ Ein Palituch hatte sie auch. Mein junges Herz pochte wild, doch ihre Freundin Karla ließ mich nicht ran an Lola. Einmal nahm ich all meinen Mut zusammen. Ich hatte mir schon ein paar sinnvolle Sätze überlegt. Doch kurz bevor ich sie ansprechen wollte, bekleckerte ich mich mit heißem Früchtetee. Sie lachte, ich lief rot an und ließ es bleiben. War mir das peinlich! Mir war heiß bei -8 Grad.


FAB-Reportage über die schleichende Abschaltung von Jugendradio DT64 vom Jahreswechsel 1991/92.
DT64 war im Norden nicht mehr zu hören. In Berlin sendete ab Mitternacht erstmal die Senderkette der neuen Landesanstalten MDR und ORB, dann erstmal wieder DT64, und zwischen 15 und 18 Uhr ein Fenster des neuen ORB-Jugendprogramms, das erst Rockwelle B, dann Rockradio B heißen sollte. Vertraute Stimmen hörte man da. Der ORB hatte im Vorfeld einen Teil der DT64 Crew abgeworben. Eine HipHop-Sendung gab es für die nächsten Wochen erstmal nicht mehr.


Der Jugendradiokampf war eine krasse Zeit. Das war wirklich „Power von der Eastside“. Deutschlandweit Demos, Besetzungen und Mahnwachen: sowas gab es nie zuvor und nie wieder. Nicht bei der Abschaltung von Radio100, nicht Radio 4U, nicht bei rias 2 und auch nicht bei Rockradio B. Der neue ORB-Intendat Rosenbaum und die Herren im Berliner Kabelrat hatten ganz schön die Hosen voll.

Die DT64-Mahnwache in Berlin zog viele interessante Menschen magisch an. Etwa den impulsiven Lenin, ein revolutionärer Redskin, natürlich mit roter Bomberjacke, Aufnähern, Docs mit roten Schnürsenkeln und zwei Zahnlücken. Mit seinem kleinen roten Nothammer, der vorher mal im neuner Bus hing, hatte er am Heiligen Abend in einer mehr oder weniger revolutionären Aktion den kompletten Bahnhof Alexanderplatz und die Schaufenster aller umliegenden Gebäude entglast und mit einer hitzeroten Dose „DT64 bleibt“ ans alte Centrum-Warenhaus, an den Berliner Verlag und ans Hotel Stadt Berlin gesprüht. Das von ihm erhoffte Medienecho blieb aus. Die Glasschäden waren innerhalb von einem Tag behoben. Die Farbe hielt noch eine Weile.

Freitag, 4. Dezember 2009

DJ ist nicht gleich DJ


via: Kraftfuttermischwerk

Viertes Türchen

Wer hätte hinter dem vierten Türchen sowas vermutet? Heute entpuppt sich Weihnachtskalendergeschichtenschreiber Jenz Steiner als Hasser des höchsten Christlichen Feiertages, der nur aus seiner Abneigung gegen die oxidentalen Weihnachtsriten anfing zu rappen. Doch auch mit den orientalisch-sozialistischen Interpretationen des Festes tut er sich schwer.

Mein revolutionärer Geist in den Neunzigern war zum Glück nicht so ausgeprägt wie der der FDJ in den frühen Fünfzigern, die Weihnachten durch das Stalin-Fest ersetzen wollten, mit kleinen Bildchen des großen Arbeiterführers an der Tanne statt Engelchen und Christbaumkugeln. Trotzdem kotzte mich an, dass sich nach der Wende das beschauliche Fest des Friedens in eine grenzenlose Kommerzschlacht verwandelt hatte.
Mein erster Rap-Text thematisierte genau das. „Wisst ihr was? Ich hass' es wie die Pest – dieses beschissene Weihnachtsfest. Schokoladenweihnachtsmänner – seit September große Renner“ Weiter weiß ich nicht mehr. Ich bin auch ganz froh, dass außer meinem Kumpel Matze niemand dieses Liedchen zu jemals zu hören bekam.


Auch im DDR-Fernsehen gab es Werbung, jedoch nur bis in die späten Siebziger.
Dann gab es nicht mehr viel zu bewerben. Von diesem Spot hatte ich bislang nur eine Audioversion auf Kassette. Hier nun das Original.


Überwältigt war ich dann 1991, als Andre Langenfeld in einer seiner vorletzten „Yo-Show“auf Jugendradio DT64 „Frohes Fest“ von den Fantastischen Vier zum Ausklang der Sendung spielte. „An alle, an alle, diesseits und jenseits der Grenzen. Wir grüßen Euch und wünschen allen ein gesegnetes Weihnachtsfest“. Scratch, scratch. Was war das denn? Das war zwar nicht so cooler Rap wie „Make it happen“ oder „A Chorus Line Pt. 2“ von den Ultramagnetic MC's, aber irgendwie hatte es was Beruhigendes, dass ich nicht der Einzige in Deutschland war, der Anti-Weihnachts-Raptexte schrieb.

Donnerstag, 3. Dezember 2009

Drittes Türchen

Hinter der dritten Tür des GTDK-Weihnachtskalenders von Jenz Steiner verbirgt sich seine sehr persönliche und berührende Version der Prenzlauer Berger Graffiti-Geschichte.















Das SEZ an der Leninallee aka Freizi: Sitz der von Koschi und Boschi gedemütigten Center Gang, Foto: BA, cc


Im Frühjahr 1990 sah ich die ersten Tags in Prenzlauer Berg. Zwischen S-Bahnhof Ernst-Thälmann-Park und Dimitroffstraße waren das Corinth und Sign, bei uns im Bötzowviertel Koschi und Boschi. Koschi und Boschi gingen mit mir zur Schule. Koschi hieß in echt Sebastian und ging in die neunte Klasse. Boschi - sein ehemaliger Klassenkamerad, hieß Mike, war gerade sitzen geblieben und gehörte nun in unsere 8. Klasse. Mit HipHop und Graffiti hatten beide nichts am Hut. Koschi behauptete ab November 1989 felsenfest, er sei schwul. Boschi hatte einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn, verprügelte regelmäßig unseren Klassentyrannen Torsten und wurde schnell BFC-Hooligan - so richtig mit glänzender Bomberjacke, New Balance Schuhen und vielen kräftigen, aber charmant-geselligen Kumpels. Von Lehrerinnen ließen sie sich nichts mehr sagen, blieben aber höflich dabei. "Entschuldigung, aber was wollen Sie Stasi-Fotze mir noch erzählen?" oder "Ich möchte Ihnen ja nur ungern zu nahe treten, aber finden Sie nicht, dass ein Wendehals wie Sie jetzt einfach mal besser die Fresse halten sollte?"



Prenzlauer Bergs Writer Sign (AGS) und Bome (ESC) malten 1990 den ersten Wholecar Ostberlins im Lay-up an der Greifswalder Straße. Das erste große Wand-Piece malten Sign und Corinth am S-Bahnhof Ernst-Thälmann-Park.


Vor uns Schülern rühmten sich beide damit, der sogenannten Center-Gang, einer verstrahlten Jugendclique, die im „Freizi“, also im Sport-und-Erholungszentrum SEZ in der Leninallee abhing und Leute anmachte oder abzog, regelmäßig die Fresse zu polieren und Neo-Nazis zu aufzuklatschen, die abends im Friedrichshain Jagd auf Schwule machten. Koschi und Boschi waren die wahren Robin Hoods unserer Hood. Nach der Schulreform verlor ich die beiden kräftigen Boys aus den Augen. Das letzte was ich gehört habe, war, dass der vermeintlich homosexuelle Koschi recht jung eine „ziemlich heiße Blondine“ geschwängert haben soll. Dem armen Boschi ist wohl die letzte Freundin weg gerannt, nachdem er ihr zu Weihnachten beim Sex auf den Bauch gekackt haben soll.

Mittwoch, 2. Dezember 2009

A Boom Bap Continuum


Unglaubliches Mixtape. Rap von 1999 bis 2009, eingedampft auf 80 Minuten.



www.aboombapcontinuum.com

Zweites Türchen

Froh und munter geht es weiter mit Steiners lustigen HipHop-Weihnachtsgeschichten aus Berlin Prenzlauer Berg. Heute, am 2. Dezember, erzählt er, wie der Kultladen Bastlerquelle sein Tafelsilber verscherbelte, wie er dadurch zum Radio-O-Ton-Sammler wurde und damit die Mädchenwelt verschreckte.

Immobilien waren im Osten bis 1989 nichts wert. Autos, Fliesen und Kassettenrekorder hingegen waren Kapitalanlagen. Wer bislang keine Freunde hatte, konnte sich damit welche machen. Ganze Stereoanlagen waren schwer zu haben und sehr teuer. Ersatzteile, Reinigungskassetten und Tonbänder bekam man in der Bastlerquelle, einem immer überrannten Elektroersatzteilladen in der Dimitroffstraße/ Ecke Greifswalder Straße. Da stand ein immer ein kleiner, dunkelbärtiger Mann mit runden Backen, nach hinten gekämmten Haar und dunelgrauem Kittel hinter dem Tresen und kramte Widerstände, Sicherungen oder Schutzkontaktstecker aus hunderten kleinen Holzschubladen hervor, die alle Wände bis zur Decke verbargen.



Die tollste Aussenreklame der DDR: RFT-Sternradio, am Königstor, Greifswalder Straße, Ecke Straße am Friedrichshain, Prenzlauer Berg


Nach dem Mauerfall holte er seine RFT-Stereowertanlagen aus dem Lager und packte sie für 50 bis 80 DDR-Mark in die Schaufensterauslage. Mein Vater griff zu. Unter unserem letzten Ost-Weihnachtsbaum lagen nun eine RFT-Kompaktanlage mit Plattenspieler, ORWO-Leerkassetten, ein RFT-Tapedeck und ein RFT-Receiver. Kann es mal sein, dass meine Mutter Weihnachten 1989 leer ausging? Nein, ich glaube nicht. Ich fing jedenfalls sofort an, den skurrilsten Schrott im Radio aufzunehmen: Jingles, Reportagen, Hörspiele, Versprecher von Moderatoren und alles, was irgendwie schräg oder etwas zu gerade klang. Eine dieser anstrengenden Soundcollagen schenkte ich Sabine aus meinem Erste-Hilfe-Kurs. Auf die Hülle schrieb ich mit meinen neuen Neon-Filzstiften immer wieder übereinander „Radio Chaos, Radio Chaos, Radio Chaos“.

Erst freute sie sich über dieses individuelle Geschenk, doch eine Woche später bekam ich beim nächsten Sani-Kurs mein Kunstwerk postwendend vor die Nase geknallt. „Hier, kannste behalten dein Scheiß!“ Aua, das tat weh. Aber wenigstens sind mir so meine wertvollen Reportage-O-Töne von der Militärflugzeug-Katastrophen in Rammstein und Remscheid nicht abhanden gekommen, die ich mit Lunte ein Jahrzehnt später für unser „Flugtraining“-Lied verwertet habe.


Mein Schatz: Das RFT HMK-D 100 Tapedeck

Dienstag, 1. Dezember 2009

Die lahmsten Mühlen

Das hat jetzt wirklich ewig gedauert, ehe der Doom bzw. Lex diese RMX 12 inch raushauen. Schon zu LP-Releasezeiten wurde Doom in jedem zweiten Interview nach den Remixes von Thom Yorke (gruß an hiobdilemma) oder Jneiro Jarel (gruß an v.reezy) gefragt. Gefühlte 12 Monate später ist die 12" dann im Dez. da.

Scheiss mal auf 93

Das neue Souls of Mischief Album rotiert bei mir schon ne Weile und es ist wirklich hörenswert.



Video auch außergewöhnlich gut!

Erstes Türchen

Noch 24 laute Tage bis zur stillen Nacht. Ich werde nun an dieser Stelle jeden Tag ein kleines Türchen in meinem Kopf öffnen und eine kleine Weihnachtshiphopgeschichte aus Berlin Prenzlauer Berg erzählen.

Der Winter 1989 war für uns der Winter der Anarchie, obwohl wir nicht mal wussten, was das ist. Die Freiheit war groß und grenzenlos. Unser Wissen von der weiten Welt war hingegen winzig klein. „Was ist eigentlich ein Ghettoblaster“, fragte ich meinen Kumpel David irgendwann im Dezember. Er meinte, das sei sowas wie ein Kassettenrekorder. War Blaster sowas wie Plaste? Was hatte das Ghetto mit einem Kassettenspieler zu tun? Wir wussten es einfach nicht.

Kurz nach dem Mauerfall eröffneten bei uns im toten Bötzowviertel die ersten kleinen Läden. In der Dimitroffstraße gab es plötzlich "Horsts Hifi-Stübchen". Das mussten wir uns eines trüben Nachmittags näher beschauen. Im Laden standen ein paar Boxen, ein paar Anlagen, aber keine Verkäufer. Im Lagerraum des Ladens klang es so als hätte Horst gerade ernsthaften Streit mit seinem Personal. Ohne zu zögern schnappten wir uns den Kassettenrekorder, der gleich im Regal an der Tür stand, rannten aus dem Laden, rüber zum Mittelstreifen, über die Straßenbahnschienen zum Stierbrunnen. Wir versteckten uns unter der Sandsteinschale des Brunnens. Wir konnten uns nicht mehr halten vor Lachen. Doch schnell schwang unsere Stimmung um.
„Sind wir total bekloppt? Wir können doch nicht klauen!“, meinte ich. Ich malte mir schon aus, was ich mir von meinen Eltern anhören dürfte, wenn das rauskäme. Na danke. David konnte meine Vorbehalte noch nicht ganz teilen. Nach ein paar Minuten sah er aber auch ein, dass das gerade keine clevere Aktion war.

Was nun? „Komm, wir schmeißen das Teil ins Gebüsch!“, schlug er vor. Ich war dafür, dass wir das Teil zurück in den Laden bringen. Wir liefen mit unserem neuen Ghettoblaster wieder über die Dimi, schmulten kurz in den Laden, immer noch niemand vorne. Tür auf, Rekorder zurück ins Regal. Der Streit im Hinterzimmer war immer noch im Gange, verstummte aber plötzlich. Horst kam nach vorn. „Kann man Euch helfen?“ - „Nö, uns is nich zu helfen. Wir kieken nur.“. Nach fünf Sekunden hatten wir aber schon alles gesehen, verabschiedeten und mit einem höflichen „Is nich unsre Preisklasse. Tschö!“ und nahmen die Beine in die Hand. Ganz so grenzenlos war die Zeit dann doch nicht.