Samstag, 19. Dezember 2009

Neunzehntes Türchen

Wie über 300 Familien auf der ganzen Welt das Weihnachtsfest vermiest wurde, erzählt GTDK-Weihnachtschronist Jenz Steiner am 19. Dezember in einem sehr tragischen Erlebnisbericht aus seiner Zeit als Journalist in Moskau im Jahr 2003.
















In der trübseligen Studentenwohnstadt der Moskauer Universität der Völkerfreundschaft lebt es sich nicht schön. Kakerlaken und verbiesterte Aufpasser-Omas rennen durch die Etagenküchen und belagern verstopfte Müllschlucker. Die Innenansicht der fünfetagigen 80er-Jahre-Plattenbauten mit ihren großen Glasfenstern und den grauen Fassaden beschränkt sich auf beschlagene, abgeklebte Fenster, in denen die Wäsche zum trocknen hängt, kaputte Steckdosen und grüne, abblätternde Ölfarbe. Ein übler Mix aus Schweiß, Chlor und Bohnerwachs, aus Hühnerleber und Hirsebrei nimmt einem die Luft. Hier wohnen fast nur Studierende aus Entwicklungsländern, die lange vor der Perestroika Ausbildungsverträge mit der Sowjetunion abgeschlossen hatten.

Mit meinem Kamerateam hatte ich hier eine Reportage über russische Breakdancer gedreht, die regelmäßig in der schwarz gestrichenen Wohnheimdisko trainieren. Das war gerade ein paar Wochen her. Am Montag, es war der 26. November 2003, hatte ich einen Termin im Fremdspracheninstitut. Dorthin watete ich gegen Mittag im Pinguinschritt von der Metrostation über die dick überfrorene Schneedecke. Auf den glatten Trampelpfaden knickten Leute um, rutschten aus und stürzten. Streuen ist in Moskau sinnlos. Es schneite schon seit zwei Tagen. Bei -24 Grad verwandelte sich der Schnee in Eisregen. Bis jetzt war alles wie immer.



Aus der Ferne sah ich zuerst zwei Krankenwagen, dann eine mobile Einsatzleitung der Miliz. Das Fahrzeug kannte ich noch gut von den Bildern der Geiselnahme im NordOst-Musical 2002. Was war hier los? Mehrere Milizionäre in gelben Warnwesten standen um ein marodes Feuerwehrauto am Strassenrand herum. Nicht die Kälte zwickte in die Nase, sondern der schwarze Studentenwohntrakt zu meiner Linken. Bilder wie aus Rostock Lichtenhagen 1992. Fünf Etagen qualmten vor sich hin. Ich hob das rotweiße Absperrband an und stand mit etwa vierzig Menschen geschockt vor der rauchenden Ruine. Viele Studenten, ein paar Journalisten. Ein Anschlag der Nazi-Skins? Ich konnte es mir nicht vorstellen. Die verkloppen eher Leute im Schutz der Fußgängertunnel. In den Wohnheimen schieben ausrangierte Rotarmisten Wache. Viel zu riskant, zu viele Zeugen. Ein chinesischer Student sprach mich in gebrochenem Russisch an:"Ein Glück, dass von unseren Leuten keiner da drin war." Von Verletzten oder gar Toten wusste hier niemand wirklich etwas, nicht einmal die die ausländischen Journalisten.

Besonders aus dem hinteren Gebäudeteil stieg noch viel Qualm. Aus den Flurfensterlöchern starrten Feuerwehrleute wie gelähmt ins Leere. Eine wellige Eisschicht bedeckte die Scheiben ihrer Löschfahrzeuge. Milizionäre mit Papirossi im Mundwinkel sicherten den Eingang und die Seiten des Gebäudes. Eine vom Schrecken gezeichnete schwarze Frau schüttelte den Kopf beim Anblick des rußigen Blocks.



Die russischen Fernsehsender RTR und NTW stellten ihre Satelitenschüsseln im Schnee auf aufgestellt. Einen Block weiter parkten 20 oder 30 Krankenwagen privater Rettungsdienste, die wahrscheinlich noch auf das große Geschäft hofften. Wieviele Verletzte es hier gegeben hatte, war hier nicht rauszufinden. Vor der Studentendisko, dort wo wir die letztens Breaker gefilmt hatten, parkten jetzt schwarze Luxus-Limousinen mit rot-weißem Diplomatenkennzeichen. Die Botschafter der Partnerländer wollten sich selbst ein Bild der Lage machen. Ich sah einen Studenten in meinem Alter mit einer genähten Platzwunde am Kopf, sprach ihn aber nicht an. Das Ausmaß der Brandkatastrophe war mir zu diesem Zeitpunkt nicht bewusst.

Dort, wo ich jetzt stand, starben wenige Augenblicke vor meiner Ankunft 136 Menschen wegen einer defekten Steckdose. 170 Menschen konnten an diesem Montagmorgen mit schweren Verletzungen aus den Flammen des Wohnblocks 6 in der Moskauer Miklukho-Maklaya-Straße gerettet werden.

Alle Fotos: Jenz Steiner

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