Montag, 7. Dezember 2009

Siebtes Türchen

Hinter dem siebten Türchen verbirgt sich ein weiteres Stück Berliner Radiogeschichte. Jenz Steiner erzählt heute von seinen Piratensenderhörerlebnissen und seinen Versuchen selbst Radiopirat zu werden oder zumindest mit den heimlichen Funkern von Radio P in Kontakt zu treten.


Der Piratensender Radio P sendete noch 1991 von den Dachböden Prenzlauer Bergs und propagierte, untermalt von Digital Undergrounds Dowutchyalike, dass man seinen Weihnachtsbaum anzünden und vom Balkon schmeißen sollte. Das fand ich gut, meine Mutter nicht. Der Baum blieb drinne. Ich nicht. Ich wollte auch zu den Piratenfunkern, wollte auch von der Polizei und der Deutschen Bundespost, Abteilung Telekom mit gelben VW-Funkpeilwagen gejagt werden - wie damals Thomas Gottschalk und Mike Krüger im Film „Piratensender Powerplay“, der den Radio-P-Leuten reichlich O-Ton-Material für ihre Jingles lieferte. „Ameisenbär 1 an Ameisenbär 2“ - „Ameisenbär 2 hört.“ - „Wir haben die Peilung“. Radio P war richtig lustig.


Der Film "Piratensender Powerplay" mit Thomas Gottschalk und Mike Krüger war eine richtige Klamotte, spielte aber eher auf die damalige Dualisierung des Hörfunks, also die Einführung privater Düdelsender an als auf richtige Piratensender.

Die Musik war dufte. Ska und Punk aus den Kinderzimmern, Garagen und Kellergewölben Prenzlauer Bergs dominierten das Programm. Es gab zuwenig HipHop von hier, um welchen spielen zu können. Am Ende der Sendung wurde eine Kontaktadresse durchgesagt: „Schreibt uns, kommt zu uns – zum Verein zur Förderung freier Radios in Berlin, im BlaBla, Sredzkistraße 10, 1054 Berlin Prenzlauer Berg. Gleich am nächsten Tag machte ich mich auf den Weg, war ganz aufgeregt und überlegte mir konspirativ aber unauffällig klingende, verschlüsselte Sätze, die mir die Pforten zu zur Piratenwelt öffnen könnten. Zum Beispiel: „Hallo, ich habe gehört, hier in der Nähe soll es so ein Medienprojekt geben, bei dem man mitmachen kann.“ Doch leider stand ich vor verschlossenen Türen. Da half kein „Sesam öffne Dich!“.

Hier mein Lieblingslied aus dem 91er Radio-P-Programm zum Download:Die AG Geige mit Maximale Gier.

Ein gutes halbes Jahr später hörte ich in der allsonntäglichen Sendung „Beatradio D“ mit Marion Brasch eine mir sehr vertraute Co-Moderatorenstimme. Das ist doch der! Das ist doch der Typ von Radio P, der sonst immer den Berliner Kurier auf die Schippe nimmt, wenn die Schreiberlinge Erich Weinert wieder als Stasi-Dichter dissen. Ich rief sofort im Studio an und hatte ihn auch gleich an der Strippe. Ich machte irgendwelche Anspielungen auf sein Piratendoppelleben, die er mit „Weiß nicht, kann sein. Keine Ahnung.“ Das war mein erstes Telefonat mit einem echten Piraten. Wenn auch mit einem halben Jahr Verspätung, das schönste Weihnachtsgeschenk, das man mir überhaupt hätte machen können.



Nachtrag: Der Radio-P-Mensch arbeitete nach dem Zerfall des Projekts noch eine Weile für MDR-Sputnik und veröffentlichte in den frühen Neunzigern einen Prenzlauer-Berg-Krimi, in dem es, glaube ich, um Brandstiftungen in den besetzten Häusern im LSD-Viertel ging. Die Schönhauser Allee 5, Heim der Rammstein-Vorgängergruppe Feeling B, war ein wichtiger Dreh- und Angelpunkt des Senders. Schön sehen kann man das in Petra Tschörtners Dokumentarfilm „Prenzlauer Berg“ aus dem Jahr 1990. Das Video oben ist ein Ausschnitt aus einer rbb/orb-Reportage über Aljoscha Rompes Räumung in der Schönhauser 5.

Kommentare:

Zeal hat gesagt…

auf den 24. wünsche ich mir eine was-wäre-wenn fiktion von dir über ein leben in schwaben ;-) ich liefere dir gerne vokabeln usw. an.

Jenz Steiner hat gesagt…

is nich

Zeal hat gesagt…

schade ;-)

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