Dienstag, 24. Februar 2009

Musik und Lokalpatriotismus

Musik ist eine sehr emotionale Angelegenheit. Die gefühlsintensivste Zeit ist für die meisten Menschen die Kindheit und Jugend in Verbindung mit der Gegend, in der man sie verbracht hat. Es braucht oftmals ein gewisses Alter, ehe man die Reize dieser Zeit gebündelt und verarbeitet hat und dazu noch in Worte fassen kann. Manche schreiben Bücher darüber, andere Lieder. Das geht nicht nur mir so. Das war ganz offensichtlich immer und überall so. Für mich ist das, was man bei mir immer so schön als Lokalpatriotismus bezeichnet, nichts Anderes als eine persönliche Aufarbeitung der Orte und Augenblicke im Leben, die mich intensiv geprägt haben. Diese emotionale Verbundenheit mit einer Gegend hat in meinen Augen jedoch keine Bindeglieder mit dem klassischen Patriotismus-Begriff, mit Nationalstolz oder sonstigen Bekenntnissen zu irgendwelchen Amtsvorgängen, Grenzziehungen oder Gesetzen. Soviel dazu.



Vladimir Vysotsky: Na Bolshom Karetnom


Ein Lied, das mich immer an V-Manns Schreckschusspistole denken lässt, ist "Auf der großen Karetnygasse" vom berühmten russischen Chanconsänger Vladimir Vysotsky. Der hat in der Nachkreigszeit mal nördlich von Berlin, in Eberswalde gelebt, weil sein Vater dort bei der Roten Armee stationiert war. In dieser Moskauer Gasse jedenfalls hat Vysotsky seine frühen Tage verbracht. Die Gasse wurde umbenannt und mit den ganzen Umbauten und Restaurierungen gingen auch viele seiner Erinnerungen flöten, die er in seinem Liedchen nochmal festzuhalten versucht. Bei der Fernsehübertragung von 1978 behauptet er, dass es sich um ein schwerzhaftes, witziges Straßenliedchen handeln würde, wenn man sich dem Text widmet, wird man aber schnell feststellen, dass es genau das nicht ist.

Auf der Bolschoj Karetny

Wo wächst ein Kerl wie du heran?
Auf der Bolschoj Karetny.
Wo fing dein ganzes Unglück an?
Auf der Bolschoj Karetny.
Wo hast du die Pistole her?
Von der Bolschoj Karetny.
Und wo, wo wohnst du jetzt nicht mehr?
Auf der Bolschoj Karetny.

Kennst du das Haus dort vis à vis?
Das kenn ich allzugut sogar.
Nur halb gelebt hat der, der nie
auf der Bolschoj Karetny war,
auf der Bolschoj Karetny.

Die Straße hat man umbenannt,
da ist jetzt alles fremd und neu.
Doch überall, du Bummelant,
gehst du, wo immer es auch sei,
durch die Bolschoj Karetny.



City - Der King vom Prenzlauer Berg (1978)

City haben mit "Der King vom Prenzlauer Berg" nichts und niemandem nachgetrauert. Vielmehr trafen sie in den späten Siebzigern den Zeitgeist einer halbstarken Jugend, die gern an Motorrädern rumschraubte und Gitarrenmusik hörte. Ich habe diese Musik damals nicht so gern gehört und erst in den letzten zehn Jahren ein Ohr dafür entwickelt. Westmusik war einfach mal cooler. "Der King vom Prenzlauer Berg" hatte nicht wirklich was Lokalpatriotisches. Diesen King gab es schließlich in jeder Berufsschule, jeder Kreis- und Bezirksstadt.


Sezen Aksu mit İstanbul Hatırası aus dem Film Crossing the Bridge - The Sound of Istanbul

Vor knapp drei Jahren habe ich im Hochhauskino mit der großen Kuppel in Hannover geweint, als Sezen Aksu in "Crossinng the Bridge - The Sound of Istanbul" ihre "Erinnerungen an Istanbul", an eine Stadt, die es so heute nicht mehr gibt, besingt. Ihre zwischenzeitlich verschränkten Arme, ihr Blick am Ende verraten schon alles, auch wenn man den Text nicht so richtig versteht. Vielleicht findet sich ja ein emsiger Übersetzer der es besser kann als ich. Ein altes Bild hängt an der Wand. Vielleicht ist es echt, vielleicht auch nicht. ... Liebe ... Rosen ... ein unausgesprochenes Gedicht reinster Liebe ... Du suchst Dein Leben lang nach diesem Tag und findest nur vergilbte Blätter verlorener Träume ... Erinnerungen an Istanbul ... Ich singe Dir dieses Lied, doch meiner Seele fehlt die Kraft zum Kampf ...




Zurück nach Moskau. Der 1997 verstorbene Liedermacher Bulat Okudzhava hatte mich im Handumdrehen gefesselt, als ich ein jahr nach seinem Tod sein Liedchen über den Arbat gehört habe, die Straße in der er lange Zeit gelebt hat. Heute ist es eine Fußgängerzone für Touristen, die sich da für teures Geld allerlei Klimmbimm, Kitsch und Pseudokunst andrehen lassen. Gleich in der Nähe entstand in den Siebzigern oder Achtzigern der neue Arbat, eine Hochhausmeile, die für mich eine belebtere Version der Leipziger Straße in Berlin darstellt. Bulat Okudzhava singt, dass sein alter Arbat sein Lebenszweck, seine Religion ist und er es heute nicht schafft, seine alte Straße ganz zu durchlaufen. Ich habe das damals gut verstehen können, da mich dasselbe Gefühl heimsuchte, wenn ich durch meine alte Straße gelaufen bin. lange nachdem wir aus unserer alten Wohnung in der Bonnie gezogen sind. Auch wenn ich noch immer nicht die passenden Worte gefunden habe, warum mich in meinen Texten dieses Thema immer wieder bewegt und ich immer versuche, einen Schlusspunkt zu setzen, war es mir trotzdem gerade einmal wichtig, die Stücke an dieser Stelle und in diesem Kontext zu vereinen. Vielleicht erklärt das Einiges. Vielleicht wirft es neue Fragen auf. Auf jeden Fall sind alle Lieder für mich auch ein Stück internationale Zeit- und Musikgeschichte, die ein richtiger Crates-Digger und Musikliebhaber mal gehört haben sollte.


Gleich zweimal Bulat Okudzhava mit Liedchen über den Arbat, einmal als TV-Klip und dann aus dem Film "Pokrowskie Vorota"

1 Kommentar:

obi hat gesagt…

meine Meinung, zusammenfassend: super.

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