Montag, 21. Dezember 2009

Einundzwanzigstes Türchen

Es bleibt ein sehr finsterer und übeler Nachgeschmack, wenn Jenz Steiner in der 21. GTDK-Kalendergeschichte von seinen vorweihnachtlichen Krankenhaus-Erfahrungen in Berlins tristestem Bezirk Wedding berichtet. Gerettet hat ihn damals ein Mixtape von V.Raeter und Aaron.














Grauer Wedding to the fullest. Blick vom Flak-Bunker Humboldthain.

Wie konnte ich nur diesen miesen Job im Weddinger Krankenhaus Drontheimer Straße annehmen? Was befähigt mich denn dazu, den Haushalt einer Krebsstation zu schmeißen? Schieber wegbringen, Frühstück machen, Halbtote füttern, die Matratzen der ganz Toten abwischen, Essenreste zusammen kippen, Hintern abwischen, Flüssignahrung nachkippen und alle Arbeiten verrichten, für die sich Schwestern zu fein waren, für die sonst einfach keine Zeit war. Etwa die Patienten waschen, rasieren und füttern, die in den Infektionszimmern hinter einer Schleuse vor sich hin vegetierten.

Die Krankenhausbewohner waren entweder Ur-Berliner Kettenraucher oder türkische, jugoslawische und russische Weddinger, die auch schon ein paar Jahrzehnte im Westberliner Norden verbracht haben und nun, innerlich zerfressen von Metastasen, ihrem Ende entgegen sahen. Die Krankenzimmer wurden oft zur Arena der Familienkonflikte der Patienten und ihrer Besucher. Erst Geschrei, fliegende Fäuste, dann Frauen mit blauen Augen neben ihren aggressiven Ehegatten mit Schnappsfahne und Infusionsschläuchen im Arm - kein seltener Anblick auf Station 1c.




















Kein Bunker, einfach nur typische Wedding-Ästhetik: ein Bürohaus in der Bornemannstraße.


Als ich mir dort in der Vorweihnachtszeit 2002 das erste Mal einen krassen Virus einfing, drehte sich alles um mich herum. Fieber, Durchfall, Kotzerei … was war schlimmer? Die Stationsschwester zerrte mich ins Schwesternzimmer, ging an ihren Giftschrank und mixte mir irgendein Gebräu zusammen. „Hier, trinken! Das sollte bis heut nachmittag wirken. Den Spädienst machste noch fertig, dann kurierste Dich ordentlich aus, dass Du morgen zum Frühdienst wieder fit bist.“ Im Gegensatz zum Patienten aus Zimmer 13 hielt ich wirklich noch bis Schichtende durch, ohne die Beene hochzuklappen – unglaublich. "Eine tote Leiche...", sang meine Ablösung, als der Mann mit über dem Kopf gezogenen Laken im Bett an der Stationsküche vorbei rollte und bis zum Ende der Besuchszeit im zweiten Aufenthaltsraum eingeschlossen wurde. Nur für den Fall, dass er sich das mit der Löffelabgabe doch noch anders überlegen sollte.




















Weihnachtlich dekorierter Pavillon in Weddings Stralsunder Straße


Ich schleppte mich mit grummelndem Magen zu meinem Auto durch die grauen Weddinger Straßen, in denen die Siebziger noch lebendig waren. Bis nach Hause schaffte ich es nicht, nur bis zu DJ V.Raeters alter Wohnung am Friedrichshain. Alles hatte undeutliche Konturen, drehte sich, verschwamm noch mehr. Bei ihm angekommen, knallte ich nur noch auf sein Bett. Gemeinsam mit Aaron friemelte er gerade an deren „Adventures in Paradise“-Mixtape. Das war meine Rettung. Wenn ich heute die Kassette oder nur einzelne Lieder davon höre, fühle ich mich so geborgen. Den Job mit den halben und ganzen Toten gab ich zum Jahreswechsel auf. Überbleibsel dieser Zeit sind die von V.Raeter produzierten und von mir gerappten, hier frei downloadbaren Songs:

Auf Arbeit wisch ich Scheiße weg:
>>Der Tragödie erster Teil<< und
>>der Tragödie zweiter Teil<<

Alle Fotos unter creative commons lizenz, flickr.de

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