Mittwoch, 16. Dezember 2009

Sechzehntes Türchen

"Ach, wie ist der Winter schön, besonders wenn es schneit, komm, wir wollen rodeln gehen, da freuen sich alle Leut", sang Lippi aka Wolfgang Lippert dem Jungpionier Jenz Steiner und vielen anderen Pionieren am Pioniergeburtstag 1984 im Pionierpalast vor. Wie abenteuerlich eine nächtliche Schlittenfahrt auch noch in den späten Neunzigern sein konnte, schildert unser GTDK-Weihnachtsmärchenerzähler heute, am 16. Dezember 2009, ohne Halstuch der Kassettenrekordergeneration.



















Ein Blick von der Abfahrt der Todesbahn auf dem kleinen Bunkerberg im Volkspark Friedrichshain auf den Prenzlauer Berg mit Segenskirche, Wasserturm und Immanuelkirche im Hintergrund und den Fassaden der Straße am Friedrichshain im Vordergrund.


„Habt ihr euch wieder benommen wie die kleinen Kinder, ja?“, fragte mich meine Mitstudentin, als ich ihr nach den kurzen Weihnachtsferien diese wahre Geschichte erzählte. Danach habe ich nie wieder ein Wort mit ihr gewechselt. Die blöde Spießer-Tusse! Kurz nach Weihnachten war Berlin weiß wie lange nicht mehr. Uns zog es im Schutz der Nacht auf die Knochenbahn im Friedi. Mit Lunte borgte ich mir aus der alten Waschküche unterm Dach meines Hauses einen Schlitten der Nachbarskinder, vorne schön rund geschwungen, oben mit Stoff bezogen. Cooles Teil, aber gefragt hatte ich nicht. Ich weiß gar nicht mehr, wer alles an der Rodelbahn im Friedrichshain dabei war. V.Raeter, Marcello, wir beiden Jense, eine riesige Meute auf jeden Fall. Der Park war leer, die matschigen Straßen auch. Nur der 157er Bus rutschte alle zehn, zwanzig Minuten ohne zu halten an der Hufelandstraße vorbei.


Bis zum Umbau des Friedrichshains anlässlich der Weltjugendfestspiele in den frühen Siebzigern konnte man mit etwas Geschick eine Rodelpartie auf der Todesbahn starten und auf halber Strecke auf die Knochenbahn umlenken, wie hier 1968.


Im Gegensatz zur Todesbahn, die hinten vom kleinen Bunkerberg in die Tiefe führte, war an der Knochenbahn mit ihren vier Schanzen richtig was los. Wer keinen Schlitten klargemacht hatte, nahm Plastiktüten, Pappen oder Eisgleiter wie Lunte. Ich werde nie dieses Bild vergessen: Ein endloser Dauerschrei, Lunte rattert rückwärts auf Gleitern stehend, mit wedelnden Armen die Knochenbahn hinunter und reißt mit seinen Füßen Funken wie die Stromabnehmer der Straßenbahn bei Frost. Alles bangt und staunt. So etwas hatten wir noch nie gesehen. Kein Sturz. Lunte blieb heile. „Mein“ Schlitten erstmal auch, trotz der drei Zusammenstöße mit einer Kastanie unten am Ziel. Wenn zwei schwere Leute lenken, kommt so ein kleiner Schlitten leicht durcheinander.

Wer von uns hatte diese blendende Idee? „Laß uns eine Karavane machen und dann rückwärts von ganz oben runter!“ Gesagt, getan. Sechs Schlitten wurden aneinander geknotet. Zwölf Leute schlitterten in einer Reihe schräg in die Tiefe. Was blieb, war endlosen Lachen und ein riesiger Schrotthaufen aus Holzleisten und Kufen. Der Abend war gelaufen. Wir brachten die Schlitten zu ihrer letzten Ruhestätte, eine Eiche am Fuße des Rodelbergs. In ihren Ästen hingen schon unzählige traurige Schrottschlitten. Wir baumelten mehr oder weniger traurig unsere Unfallopfer dazu und gingen gesenkten Hauptes nach Hause.


So ungefähr sahen wir als Kinder aus, wenn es Rodelzeit war. Diese Aufnahme entstand 1980 in der Leipziger Straße (alle Fotos, BA,gemeinfrei im Sinne der cc-Lizenz)







Am nächsten Tag schellte unser graues Wählscheibentelefon. Die Nachbarstochter war dran und wollte mich sprechen. Die achtjährige Anika erzählte mir, dass sie mit ihren Eltern im Friedrichshain spazieren war und einen Baum gesehen hätte, in dem ganz viele kaputte Schlitten hingen. Sie fragte mich, ob ich eine Erklärung dafür hätte, warum auf einem dieser Schlittenreste ihr Name stand.

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