Donnerstag, 17. Dezember 2009

Siebzehntes Türchen

Wie lehrreich und erfrischend zugleich ein Ausflug mit Sichtbetons Lunte ins Märkische Oderland zwischen den Jahren sein kann, schildert Jenz Steiner am 17. Dezember im Generation-Tapedeck-Weihnachtskalender.














Weihnachtliche Stimmung in Berlin Marzahn, 2001

Nach dem Weihnachtsessen sollst Du ruhen, oder 1000 Schritte tun. Irgendwann zwischen 1998 und 2002. Irgendwann zwischen 25. und 28. Dezember. Lunte und ich setzten uns in die Regionalbahn 25, Ziel: die polnische Grenze. Damals wurde die Strecke noch von der Deutschen Bahn betrieben. Eine rotweiße Diesellok, Baureihe 201, zog zwei grün-weiße Reichsbahnwaggons von Berlin-Lichtenberg, Gleis 17, in den Barnim. Vorbei an den endlosen MRN-43-Bombings in Marzahn, an den Ruinen des Stasi-Gefängnisses in Ahrensfelde, in denen zu Ostzeiten politische Gefangene Orden feilten, Devisen und Westpässe nachdrucken mussten.



1143 Marzahn, Heimat der MRN Crew, grüßt seine Gäste.









Erster Zwischenhalt: Werneuchen, eine 8.000-Seelen-Gemeinde, deren Namen in Russland jeder kennt. Generationen von Soldaten der ruhmreichen Roten Armee haben zu Besatzungszeiten im Werneuchener Fliegerhorst den Sozialismus verteidigt und letztendlich abgewickelt. In den Klinkern des Bahnhofsgebäudes fanden wir noch die Spuren ihres Abschieds aus dem Jahr 1995 - in kyrillischen Buchstaben in den braunen Stein geritzt. „Mischa, Natascha, Igor, Oleg, Do Svidania Germanija!“.











Von Werneuchen aus schützte die Sowjetarmee den Luftraum zwischen zwei heilen Welten. An den Abzug dachte 1977 noch niemand.

Eine halbe Stunde warteten wir auf den Bus, der seit einiger Zeit die Bahn nach Bad Freienwalde ersetzte. Weiter ging's durch die Märkische Schweiz, Hügel, Felder, Wälder, Stratosphärenfunkbunker der NVA links, Russenkasernenruinen rechts, Endstation. Für zwei Fahrgäste wäre keine Lautsprecherdurchsage nötig gewesen.











Graffiti-freie Eisenbahnromantik: Die verschneite Strecke der Regionalbahn 25

Das Gute an der Zeit zwischen den Jahren ist, dass man mal Zeit zum Wandern und dabei Zeit zum Quatschen hat. Die alte Oder war schon zugefroren. Ein dünnes Decklein aus Schnee bedeckte das Ufer und die dünne Eisschicht. Wagemutig macht Lunte erste Stehversuche auf dem frisch gefrorenem Gewässer. Ich blieb am Ufer. Mir gefiel das nicht. „Was denn? Hält doch!“, meinte er und begann auch noch zu hüpfen. Jetzt krachte es, doch es waren nicht seine Beine, die in der Tiefe verschwanden. Unter mir hielt der Boden nicht stand und ich versank bis zu den Knien in eisig stinkender Modderpampe. Das war real Underground Hip Hop. So hart waren nicht einmal DasEFX mit ihrem 94er „Straight out the Gutta“-Album.

Fortsetzung folgt.

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