Donnerstag, 2. Dezember 2010

Das Weihnachtstagebuch - Seite 2: Queen Laureefa

02. Dezember 1999

Man, bin ich fertig. Und pleite. Hab heute für Laura, Tim und mich Karten für so einen abgefuckten Mini-Weihnachtszirkus in Marzahn klar gemacht. Da kriegen wir bestimmt coole O-Töne. Batterien und neue Kassetten hab ich auch besorgt. Auf dem Rückweg bin ich am neu eröffneten Velodrom* vorbei geradelt. Krasser Betonklotz. Von außen sieht man nur Treppen, die ins Nichts führen. Die Zeitungen sind voll mit Nordirland. Ich blick' da nicht durch. Bin danach gleich zu Tim, Programm für unseren Auftritt nächste Woche im Lade-Klub zusammenstellen. Noch sehe ich schwarz.


Diesen Queen Latifah-Konzertmitschnitt aus der 1994 ausgestrahlten Sitcom Roc fand Andy an diesem Abend in Tims VHS-Sammlung.

Dann stand Laura in der Tür, völlig fertig, durchgefroren, total verheultes Marmorgesicht mit angezogenen Schultern. Sie hatte ihre Kapuze eng zugezogen. Die Ärmel über die Hände, rieb sie sich die Schminke breit. Die vielen Tränen verwandelten ihre grüne Jacke in eine NVA-Uniform, ein Strich - kein Strich**. Ihre Zähne klapperten was wie: „Jetzt is allet kaputt“.

Mit ihr will ich gerade echt nicht tauschen. Heute hab ich die ganze Story erfahren. Ihre Eltern waren mal große Ost-Oppositionelle. Mitte der Achtziger haben sie in der Rykestraße*** einen alternativem Kinderladen**** aufgemacht – mit Holzspielzeug statt Gummi-Soldaten. Nach drei Wochen wurde der in einer Nacht-und-Nebelaktion von der Stasi zugemauert, mit allem was drin war.

Zehn Jahre nach der Wende hat Lauras Vater Akteneinsicht bei der Gauck-Behörde beantragt. Die meisten IMs, die Spitzelberichte an das MfS über ihn lieferten, waren Freunde und Bekannte. Die trugen so blumige Decknamen wie „Fingerhut“ und „Stiefmütterchen“ und hatten nach der Wende schnell den Kontakt abgebrochen.
Einmal beim Abendbrot meinte ihr Vater, dass er sich nicht erklären könne, wer denn nun IM Veilchen gewesen sein könnte. „Ich war IM Veilchen“, soll Lauras Mutter Viola geantwortet haben.

Damit hat sie sich und ihrer Familie ein ganz schön heftiges Veilchen gehauen. Ich weiß nicht, ob ich meine Familie opfern würde, um die Last der eigenen Schuld zu lindern. Wie unerträglich muss so ein Doppelleben sein, dass man solche Opfer bringt? Lauras Vater hat die Scheidung eingereicht. Die Mutter ist ausgezogen. Laura wohnt noch bei ihm am Göhrener Ei*****. Seit heute erfolgt die Kommunikation nur noch über Anwälte. Nun wurde ihr klar, dass es das Weihnachten in Familie - wie sie es kannte und liebte, nie mehr geben wird. Schöne Bescherung!

„Ach komm, dit wird schon wieder“, war Tims einfühlsamer Trost. Voll daneben. Das Schlimme war nur, dass mir auch die Worte fehlten und ich von der ganzen Geschichte voll überfordert war. Verlegen kramte ich ihn Tims VHS-Kassettenkiste, fand ein Video, auf dem stand in weißroten Klebebuchstaben: „Queen Latifah live TV 94“. Ein sechs Jahre alter Sitcom-Mitschnitt aus Amiland. Das wollte ich jetzt sehen. „Just another day living in the hood“ rappte die Queen Latifah in einem verqualmten Fernsehstudio. Sie brachte Laura wieder zum Lächeln und trieb mir die Tränen in die Augen.

„Wie seid ihr denn drauf?“, quiekte Tim. Er verwuschelte mir die Haare, boxte Laura auf den Oberarm und krächzte wie der deutsche Synchronsprecher von Eddy Murphy: „Scheißegal man, Du bist unsere Queen. Queen Laureefa!“

* Velodrom: Aufgrund der später gescheiterten Olympia-2000-Berlin-Bewerbung in den Neunzigern hochgezogenes Rad-und-Schwimmstadion in Berlin Prenzlauer Berg, das Mitte der Neunziger an der Stelle der alten Werner-Seelenbinder-Halle erbaut und mit zwei Jahren Verspätung im November 1999 eröffnet wurde.
** Ein Strich kein Strich: umgangssprachliche Bezeichnung für das Tarnmuster der nationalen Volksarmee.
*** Straße in der Nähe des Kollwitzplatzes in Berlin Prenzlauer Berg mit vielen Gründerzeitbauten, die nach DDR-Plänen in den Neunzigern abgetragen und mit Plattenbauten bebaut werden sollte.
**** Alternativen zum staatlichen Kindergartensystem wurden in der DDR nicht geduldet
***** Göhrener Ei: halbrund aus der Straße wucherndes Gründerzeit-Bauensemble an der Göhrener Straße in Prenzlauer Berg mit Spielplatz

1 Kommentar:

Breaque hat gesagt…

Nachtrag:

Lade-Klub (aka: Kurt-Lade-Klub)in der Grabbeallee in Pankow. Viele Prenzlauer Berger und Weißenseer Kids sind in dieser Zeit oft zu Hip Hop Feten raus nach Pankow gefahren. Unter anderem ich...wo ich witzigerweise auch eines Abends meinen Lieblingssong von Queen Latifah hörte...kurz vorher auf mik´s vol.1 Tape entdeckt!

Danke Jenz