Dienstag, 8. Dezember 2009

Achtes Türchen

Eine sehr winterliche und abenteuerliche Geschichte gibt Jenz Steiner beim Öffnen des achten Türchens unseres GTDK-Weihnachtskalenders zum Besten. Diese spielt irgendwann zu Weihnachten in den Neunzigern in Berlin Schöneweide.



Im Dunkeln am Heiligen Abend über einen Friedhof zu rennen, kann etwas richtig Unheimliches haben. Besonders wenn ich vor den toten Seelen weniger Angst haben muss als vor den uniformierten Kraftprotzen, die mich über das Gelände jagen. Wie kamen wir überhaupt auf die bekloppte Idee, genau an diesem Abend im kleinen „Schöneweide“-Lay-up "einen Wholecar zu rocken"?

Vom Bahnhof aus sah alles ganz „easy“ aus. Als wir vier uns aber bis zur Abstellanlage durchgeschlagen hatten und zwanzig Meter vor dem Zug standen, rollte der langsam an und fuhr uns vor der Nase weg. „Toll!“, „Schöne Bescherung“. Die hellen S-Bahn-Fensterpaare surrten an uns vorbei. Und gleich nochmal, diesmal aus der anderen Richtung. Einer begann Steine auf den Zug zu werfen. Zwei machten mit. Ich nicht. Da saßen doch Menschen drin.
Geräusche aus einem Comic-Heft : pock, pomm, popomm, pock, klirr, ksch. Wir zogen frustriert in Richtung Baumschulenweg.

Es dauerte keine sieben Minuten. „Ach Du Scheiße! Bullen“. Zwei BGSler unten an der vernebelten Kanalbrücke. „Botten!“. Kein Wort mehr. Nur rennen. Schnell den Abhang runter durch dorniges Gestrüpp. Vom Adlersgestell rollte ein Sixer ohne Licht heran. Sonst waren keine Autos auf der riesig breiten Straße. Zwei Taschenlampen suchten das Ufer ab. Einer von uns war weg. Keine Ahnung wo. Zwei kletterten über den Friedhofszaun. Ich hinterher. Enger Maschendrahtzaun. Den würde ich sonst nie schaffen. Rennen, Haken schlagen wie Mimelitt, das Stadtkaninchen. Schnell weiter. Das ist Berlins zweitgrößter Friedhof. „Das schaffe ich nie“. Die Anderen hatte die Finsternis geschluckt. Nicht umdrehen, nur botten.
Ein riesiger Komposthaufen, rüber da. Dahinter ein altes, eingezäuntes Familiengrab, dunkel, verwachsen, voller Laub und ohne direkten Zugang zum Hauptweg. Schnell mit Blättern zudecken. Nicht bewegen. Mein Lager für die Heilige Nacht. Eine eigenartige Stille lag darüber und wurde nur von meinem verräterischen Herzklopfen gebrochen. Je länger ich die Luft anhielt, desto lauter schlug die Pumpe in der Brust Alarm.



Irgendwie bedrückend die Aussicht, mit seinem prallen Leben irgendwann in einem ein mal zwei Meter großen Erdloch zu enden und auf alle Fragen des Lebens eine Schaufel Dreck ins Maul zu bekommen. Ein toller Vorgeschmack. „Mist, sie kommen.“ Pucker, pucker, pucker, pucker. Ruhe. Taschenlampenstrahlen an den Bäumen, ein VW-Motor im ersten Gang, irgendwo auf dem Friedhof. Nicht bewegen. Schiebetüren rollen auf und klacken wieder zu. Hoffentlich haben die keine Hunde dabei. Hoffentlich übertüncht der Kompostgestank meinen Angstschweiß. Funksprüche, vereinzelte Stimmen, mal lauter, mal leiser. Vielleicht 30 Meter weiter – kurze Befehle, ein Kläffen und Hecheln. Scheiße, doch ein Köter. Nichts passiert.

Schlimm, wenn man Pulsschlag und Schritte nicht mehr unterscheiden kann. Ich ließ mich nervös machen von den Reflexionen der roten Grablichter. Lieber den Kopf wieder unters Laub. „Mal sehen, wer den längeren Atem hat? Ich oder diese Drecksbullen?“ Ich, doch mit der ersten Bahn nach der Betriebspause kam die Kälte von oben und unten und wollte mir die Haut abziehen. Ich schaufelte noch mehr Laub unter und über mich. Das half kurz. Ich dachte mir Rap-Texte aus, um mich abzulenken. „Die Wolken ziehen wie Trauergäste/ Der Wind pfeift durch die grauen Äste“. Ich musste durchhalten bis zur Dämmerung. Nur bis zur Dämmerung, so gegen acht oder halb neun und dann schnell weg.



Erster Weihnachtsfeiertag: Wunden lecken, Kumpels anchecken. Zwei hatten sich auf ein Dach neben dem Friedhof verkrochen und den Spuk von oben angesehen. Einer ging ganz souverän durch die Polizeikontrolle am S-Bahnhof. Mehr Glück als Verstand.
Fotos: flickr, creative commons lizenz

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