Sonntag, 13. Dezember 2009

Vierzehntes Türchen

Wie Jenz Steiner als freistilender Schwerenöter in einer sächsischen Kleinstadt ins Jahr 1997 feierte und die modeorientierte Dorfjugend veräppelte, berichtet er in seiner vierzehnten Weihnachtskalendergeschichte. Eine Story aus der Zeit vor splash, vor Aggro Berlin.

Komisch, dass es uns jedes Wochenende zu irgendwelchen Jams in anderen Städten zog. Als hätte Berlin nichts zu bieten. Das Wochenendticket machte es möglich. Erst 15 Mark, später 35 Mark für ein ganzes Wochenende auf allen Regionalstrecken. Dieses Sylvester wollten wir in der Karl-Marx-Stadt Chemnitz verbringen. Da sollte irgendwo eine HipHop-Party sein. Wir, das waren Gauner, Lunte, icke, ein Sprüher-Mädchen, ein Sprüher-Junge, der Breaker und spätere Aggro-Berlin-Mitbegründer Spaiche und seine hübsche Freundin. Wir fuhren mit dem HipHop-Mobil hin, ein von Mode 2 besprühter Ford-Transporter, der sonst mit Gauner und Spaiche an Bord von Schule zu Schule tourte, um Jugendlichen Rappen, Breakdance, Djing und Writing beizubringen.

Spaiche auf dem Cover des vom HipHop-Mobil initiierten Rap-Samplers B-Town-Flavor

Auf der Fahrt hörten wir irgendwelche New-York-Radio-Mitschnitte von den Kool DJ Red Alert, Funkmaster Flex Shows auf WBIM und WKLM oder Kiss FM. Spaiche und Begleitung ließen sich vorm größten Chemnitzer Hotel absetzen, wir fuhren direkt zum Talschock, einem Alternativen Jugendzentrum in der Chemnitztalstraße. Wir waren nicht die einzigen Berliner dort. Poise und Razzia waren auch dort und freestylten kurz vor Mitternacht auf der Bühne. Bei ihnen war das ein loses Zusammensetzen ihrer englischen Textpassagen. Das war cool. Wir kamen nicht ans Mic. Ich hätte Bock gehabt. Zum Jahreswechsel verschwand der ganze Laden im Bühnennebel. Wir versuchten, soviele Sachsenmädchen wie nur möglich zu küssen. Das gelang uns auch. Einem sächsischen Rap-Hooligan-Jungen in gelber Helly-Hansen-Jacke gefiel das nicht. Er rämpelte mich an. „Eyä, Du host meene Froindin gegnuudscht!“. Ich grinste und sagte ihm in sein dümmliches Gesicht: „Nicht nur Deine, aber ich geb Dir mal einen Tipp! Leg Dich nie, nie, nie mit einem Berliner an!“ Geil, das zog. Der Typ gab ruhe und verschwand im Nebel. Bis drei oder vier Uhr am Neujahrsmorgen kostete ich die süßen Lippen der sächsischen Mädchen.


Das Jugendzentrum Talschock in Chemnitz


Gauner hatte inzwischen den Dachboden des AJZ als Pennplatz klargemacht. Bis zur Morgendämmerung freestylten Lunte, Gauner und ich in einem Waschraum unterm Dach. Das muss die Hölle für alle gewesen sein, die dort pennen wollten. Aber uns war das egal. Als wir am ersten Januar 1997 wieder nach Berlin fuhren, ging es genauso freistilig weiter. Uns freute das sehr, unsere Mitfahrer anfangs auch, aber nach zwei Stunden muss das die Hölle für die verschlafenen Gesichter gewesen sein.

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