Samstag, 18. Dezember 2010

Andys Weihnachtstagebuch: Seite 18 - Wahrheit oder Pflicht

Samstag, 18. Dezember 1999

In meinem Weihnachtskalender war heute ein Geschenk aus Schokolade. Ob dieser Tag nun ein so schokoladiges Geschenk ist, wage ich zu bezweifeln. Auf jeden Fall ist es einer der einschneidendsten Tage dieses Jahres. Nach Tims unerwarteter Flucht nach Belgien und seiner plötzlichen Wiederkehr haben wir uns ja für den Auftritt wieder zusammengerauft. Hatten wir eine andere Wahl. Selbst Laura hat erstmal die Zähne zusammenbeißen können. Erstmal.


Bei ihrem Konzert im Pankower Lade-Klub spielten Andy Waffen und Timinator XXX erstmals ihre Rap-Coverversion des Ost-Amiga-Hits der Gruppe Babylon aus den 80ern "In der S-Bahn" und trafen damit ziemlich genau den Geschmack des jungen nordostberliner Publikums.

Der Auftritt im Lade-Klub war das Beste, was wir je auf einer Bühne auf die Reihe bekommen haben. Fast alles hat so geklappt, wie wir es uns vorgestellt haben. Die Gruppe vor uns war unterstes Toy-Niveau. Es hätten auch ruhig ein paar mehr Leute kommen können. Anscheinend sind die Namen Andy Waffen und Timinator XXX noch nicht so die Zugpferde auf den Plakaten. Wie auch - nach gerade mal sieben größeren Auftritten?

Unser erster Track „Kranke Scheiße“ mit den Ausschnitten aus unserem Telefonat mit dem Krankenhaus neulich war echt ein cooler Opener. Da haben die Leute schon fast gelegen vor lachen. Beim zweiten Part hatte Tim ein paar Textaussetzer, aber ich habe gleich eingesetzt, so als müsse das so sein. Coolstes Gimmick war, als Laura aus dem Publikum immer aus verschiedenen Ecken übergroße Oma-BHs und Schlüpper auf die Bühne geschmissen hat.
 
Für unsere Babylon-Coverversion von „In der S-Bahn“ war heute Premiere und die Leute sind sofort drauf angesprungen. Das wird ein kleiner Hit. Ich bin zweimal über ein Kabel gestoplert. Das muss schon ausgesehen haben, als wäre es absichtlich gewesen. Zwischendurch bin ich mal auf die Monitorbox gestiegen und prompt runter ins Publikum geknallt. Das war unfreiwillig komisch, aber komisch war es. Mir ist ja nichts passiert.

An einer Stelle hatten wir uns ein bisschen mit unseren spontanen MCing Ideen überschnitten und dann gegenseitig blockiert. Das hätte nicht sein müssen.
Aber unsere Rap-Hörspiel-Mischung kam anscheinend echt gut an und das Finale mit den Russenfilm-Samples war grandios. Wir haben das erste Mal überhaupt jemanden „Zugabe“ rufen gehört und auch prompt eine gegeben. Danach haben wir auf jeden Fall ordentlich Props gekriegt. War schon gut so. Ich hab ja gar nicht mehr dran geglaubt.

Mit Laura und Tim saß ich noch ewig auf der Terrasse. Als wir nicht mehr so recht wussten, was wir machen sollen, haben wir Wahrheit oder Pflicht gespielt. Aber wir haben immer Wahrheit genommen. Ich hätte keinen Bock auf öffentlich strippen oder knutschen gehabt, wenn die Flasche auf mich zeigt. Als das eine Mal Laura gedreht hatte und Tim vom Flaschenhals angestarrt wurde, stellte sie die Frage, die man bei solchen Spielen nicht stellt: „Bist Du schon mal fremdgegangen?“ - Die Antwort kam wie aus der Pistole geschossen. „Ja, klar!“. „Was? Mit wem?“ - „Na mit Lina.“
Laura schnappte die Flasche, stand auf und knallte sie mit voller Wucht auf den Boden. „Du bist es doch gar nicht wert, Du... Du Vollspasst“. Ihre Nasenflügel zuckten und bevor die erste Träne die Wange runterkullern konnte, rannte sie weg.

Lina war mal ihre beste Freundin. Irgendwann nicht mehr. Keine Ahnung warum. Ich wollte ihr hinterher und hörte aber auf Tims beruhigende Worte: „Ach, lass mal! Die kriegst sich wieder ein. War ja vor ihrer Zeit.“ Na dann, okay. Laura war weg. Ich fühlte mich nicht wohl bei dem Gedanken. Hatte sie es drauf angelegt? Tim war ehrlich.

Gegen drei oder vier sind wir abgehauen und den ganzen Weg von Pankow bis Prenzlauer Berg gelatscht. Als wir am Rathaus Pankow waren, gab es plötzlich einen kompletten Stromausfall.
Eine Szene wie aus einem Steven-King-Film. Alle Straßenlaternen, alle Fenster und Leuchtreklamen waren plötzlich dunkel. Ganz Pankow sah schwarz. Ich bin ja kein Eso-Typ, aber gute Vorzeichen sehen anders aus.


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