Dienstag, 21. Dezember 2010

Andys Weihnachtstagebuch: Seite 20 - Die Elenden

Montag, 20. Dezember 1999

Manchmal überschlagen sich die Ereignisse. Ich war gerade bei Tim. Seine ganze Wohnung war wie auf den Kopf gestellt. In seinem Tapedeck leierte Willy Nelsons „You are always on my mind“. Früher kannte ich das Lied nur von den Pet Shop Boys und fand es doof. Jetzt nicht mehr. Ich kam gar nicht zum Fragen. Tim erschlug mich mit einem Wortschwall aus Erklärungen. „Ich breche die Zelte ab. Das hat doch alles keine Zukunft hier. Ich hab keinen Bock auf OP-Instrumente sauber kratzen. Ich hab gestern den ganzen Tag rumtelefoniert und mir eine neue Zivi-Stelle klargemacht – als Gärtner – in Düsseldorf“. In Wessiland also. „Und wann?“, wollte ich wissen. „Sofort, noch vor Weihnachten. Da ist jemand ausgefallen. Ich kann gleich loslegen und kriege eine bezahlte Dienstwohnung. Mehr bekam ich erstmal nicht mit. Erst beim Satz: „Muckemäßig können wir unsere letzte Show eh nicht toppen.“ horchte ich wieder auf. Das war's dann also mit Andy Waffen und Timinator XXX.


Willie Nelson - Always On My Mind
Tim neigt zu radikalen Entscheidungen. Spricht nun sein schlechtes Gewissen durch dieses Lied? Der Kurztripp nach Brüssel hat offensichtlich das Fernweh in ihm geweckt. Jetzt sitzt er auf gepackten Koffern. Andy und Laura haben das Nachsehen. Andy kriegt die Tapes und Laura die Wohnung mit der Raufasertapete.

„Und mit Laura?“, fragte ich vorsichtig. „... hab ich schon gesprochen. Die musste ganz schön schlucken. Aber in letzter Zeit war eh der Wurm drin. Ihr ganzer Familienstress ist doch nicht mein Stress. Mir geht das nur noch auf den Sack. Außerdem läuft da eh nichts mehr.“ Ich war schockiert: „Die hat Dir so oft den Arsch gerettet“. „Stimmt schon, bin ich ihr ja auch dankbar für. Ich mag sie ja auch voll, aber das hat alles einfach keine Zukunft. Das geht mir nur noch auf den Zünder. Ich muss weg hier. Du kriegst meine Videos und meine Tapes. Halt' sie in Ehren und mach' was draus!“ Er zeigte auf seine zwei Plaste-Klappboxen. Das waren Schatzkisten. „Und komm' mir jetzt bloß nicht mit – ähhh, das kann ich doch nicht annehmen!“. Mir war schlecht. „Dann lass Dich nicht hindern! Keine Armee kann eine Idee aufhalten, deren Zeit gekommen ist“, sagte ich. Tim reagierte wie ein Pistolenschuss: „Das hast Du geklaut! Das ist von Victor Hugo. Alta Beitaaah!“

Ich lachte beklommen. „Aus 'Die Elenden'. Gavroche und so.“ Tim spulte den Willy-Nelson-Track nochmal zurück. Sprach da doch sein schlechtes Gewissen durch dieses Lied: „Little things that I shouldn't said and done. I just never took the time“? „Wenn Du meine Hilfe brauchst, bin ich da.“ „Ick wees, aber ick komm schon klar, muss endlich och mal selber wat uffe Reihe kriegen!“. Ich nickte. Wir quatschten noch eine Weile. Er kam auf die Idee, dass Laura die Wohnung übernehmen könnte. Ich half ihm noch beim Rumrumpeln, schnappte irgendwann mein Erbstück Nummer 1 und machte mich auf den Weg.

Nach 17 Jahren trennen sich nun also unsere Wege. Der Gedanke ging mir immer und immer wieder durch den Kopf, als ich die erste Kiste mit den Kassetten nach Hause trug. Alte Erinnerungen kamen hoch – wie wir Ende der 80er im Winter im Ententeich im Friedrichshain ins Eis eingebrochen sind, Mercedes-Sterne knacken auf der ersten Klassenfahrt nach Liverpool, die erste Streetjam auf dem Helmholtzplatz … alles Geschichte. Ich glaube nicht, dass er wieder zurück nach Berlin kommt. Ich glaube auch nicht, dass er das will. Ein Kleeblatt war heute in meinem Weihnachtkalender. Ich hoffe, es bringt ihm Glück.

Was bisher geschah:
Einleitung
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