Dienstag, 21. Dezember 2010

Andys Weihnachtstagebuch: Seite 21 - V - Die Außerirdischen kommen

21. Dezember 1999

So schnell kann es gehen. Da hielt nun der weiße Transporter von Tims Vater in der Duncker, wir haben alles schweigend eingeladen, zwei Drittel seines Krams vorher in die Mülltonnen auf dem Hof geknallt. Dann war der Augenblick gekommen. „Ich stehe nicht so auf dramatische Abschiedsszenen.“, meinte Tim und kletterte auf den Beifahrersitz. Sein Vater hob lässig eine Hand vom Lenkrad und ließ den Motor an. Beim Ausparken kurbelte Tim die Scheibe runter und sagte: „Ick meld' ma. Schöne Weihnachten und so.“ Er formte seine linke Hand zum Peace-Zeichen und sagte noch: „V – die Außerirdischen kommen!“. Das war ja mal wieder typisch. Diese Serie aus den späten Achtzigern war bei mir schon ganz in Vergessenheit geraten. Das Auto fuhr an und rollte in Richtung Danziger Straße.


Die Schlussszene des 1976 gedrehten Sowjetfilms "Sklavin der Liebe" spiegelt Lauras Gefühlswelt wider, nachdem ihre Familie Weihnachten nicht mehr gemeinsam verbringen wird und Tim sie verlassen hat.

Laura behielt die Fassung. Sie hielt Tims Wohnungsschlüssel in der Hand. War ja jetzt ihre Bleibe. „Jetzt können wir ja mit meinem Kram anfangen.“ Daran hatte ich gar nicht mehr gedacht. Ich war jetzt schon von der Schlepperei ko. Dabei war das erst die erste Halbzeit. Dafür ging mir der Rest dann aber recht leicht von der Hand, auch ohne Umzugswagen. Ich weiß nicht, wie oft wir zwischen Göhrener Ei und Dunckerstraße hin und her gelaufen sind. Auf jeden Fall war es schon spät am Abend, als Laura und ich kaputt auf Tims alte Couch gefallen sind. Ich konnte mich nicht mehr bewegen. Sie stand nochmal auf, kramte in einer Penny-Tüte und holte eine Kerze vor, aus einem blauen Müllsack zog sie eine hippiemäßige Decke. Sie stellte die brennende Kerze ins Fensterbrett ihrer neuen Duncker-Wohnung, deckte uns zu und nach vielleicht drei Minuten waren wir schon im Traumland.

Geredet haben wir gestern nicht viel. Dazu fehlten uns die Zeit, die Kraft und die Nerven. Ein Satz von Laura hat sich bei mir aber doch gut eingebrannt: „Es kommt mir manchmal vor, als würde mich irgend 'ne höhere Macht von allen Menschen, die mir wichtig sind, wegzerren. So wie wenn man Schönhauser Allee in so einer alten U-Bahn steht, wo man noch hinten rausgucken kann. Eigentlich hat man noch festen Boden unter den Füßen, aber die Mietskasernen links und rechts fliehen vor einem. Und wenn man in den schwarzen Tunnel eintaucht, sieht man nur noch ein kleines taghelles Fensterchen am Horizont, das immer kleiner wird.“

Irgendwann nachts, die Kerze war schon ausgebrannt, bin ich aufgewacht. Ich bin aufgestanden, hab mir Lauras schlafendes Gesicht im Mondschein angesehen. So unbesorgt und friedlich sah sie schon lange nicht mehr aus. Ich habe ihr noch einen Zettel im Dunkeln gekritzelt, dass ich für sie da bin, wenn sie mich braucht, habe sie ordentlich zugedeckt, hab die Tür leise hinter mir zugezogen und bin nach Hause gegangen.

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