Freitag, 24. Dezember 2010

Andys Weihnachtstagebuch: Seite 23 - Santa Rap

Donnerstag, 23. Dezember 1999

Wie schnell sich die Atmosphäre einer Wohnung ändern kann! „Alle quatschen immer von New York Style, aber richtig „Ghetto“ will auch keiner leben.“, hatte Tim immer gesagt. Alle waren sowieso immer Pseudo-Inties, Sell Outer, Faker und Toys, außer ihm natürlich.

Von Tims alter Bleibe konnte man in Lauras neuen vier Wänden nicht mehr viel erkennen. Außer das kleine Bad mit der ranzigen Dusche war nicht mehr viel geblieben. Sie hatte echt in 24 Stunden die ganze Bude auf den Kopf gestellt. Alles war anders. So durchstrukturiert, so dekoriert, so ordentlich. „Diese Seite kannte ich noch gar nicht an Dir.“, sagte ich, als ich heute zu Laura kam, um zu sehen, ob sie noch Hilfe brauchte. „Tja, Überraschung – ist ja auch fast schon Weihnachten.“
Sie hatte einen Adventskranz mit vier brennenden Kerzen auf ihrem runden Glastischlein zu stehen. Das fand ich erst etwas spießig, gewöhnte mich aber recht schnell dran.


"Welcher Rap-Film weckt mehr Weihnachtsstimmung als Beat Street?", dachte sich Andy und steckte den uralten ZDF-Mitschnitt auf VHS-Kassette ein, bevor er zu Tims alter Wohnung ging, die jetzt Lauras neue Bleibe war.


Eigentlich hatte ich auch gar keine Lust auf irgendwelche Schlepp- Schieb- und Möbelrückaktionen. Ich hatte eine Videokassette mitgebracht, die ich mit ihr gucken wollte: „Beat Street“, den hatte ich schon ewig nicht mehr gesehen und tierisch Bock drauf, wegen der Weihnachtsparty-Szene und so.

„Ich fühle mich so angekommen.“, sagte Laura. Sie stand mitten im Raum, die Hände in die Seiten gestützt, schaute sich um und sah so zufrieden aus wie lange nicht mehr. Hatte Tim die Stadt verlassen, um Laura zum Glück zu verhelfen? Schließlich war es seine Idee, sie hier einziehen zu lassen. Sicher nicht ganz uneigennützig. So ersparte er sich die Suche nach einem Nachmieter.
Ich verwarf den Gedanken noch bevor ich ihn ganz formuliert hatte. Überhaupt wollte ich das Thema Tim heute ruhen lassen.

Ein sensibles Thema musste ich trotzdem anschneiden. „Was ist denn nun mit Weihnachten bei Dir?“, fragte ich vorsichtig. „Weiß nicht, mein Vater fährt zu meiner Oma. Da kann ich mit hinkommen, hab aber keinen Bock drauf. Die keifen sich eh nur an, die war ja auch mal ein hohes Tier in der Partei und dann kommen die ganzen Ost-Geschichten und der Stasi-Mist wieder hoch. Darauf hab ich keinen Bock – nicht zu Weihnachten.“
„Kannst bei uns mitfeiern, wenn Du Böcke hast.“, sagte ich etwas kleinlaut. „Weiß nicht. Mal sehen.“ „Ist alles ganz entspannt bei uns, keine großen Zeremonien, kein Gesinge, kein Geschrei, alles ganz locker und ohne Geschenke.“, versuchte ich sie zu überzeugen. „Danach können wir ja noch um die Häuser ziehen.“

Ich stand am Fenster und guckte die Plasteblinkersterne in den Festern gegenüber an und meinte: „Das kann einen ja verrückt machen, dieses Geblinker“. „Du kannst einen verrückt machen“, hörte ich Lauras Stimme plötzlich nur wenige Zentimenter neben mir sagen. Sie umarmte mich. „Danke … für... für das Alles.“ Dann drückte sie mir einen Kuss ins Gesicht. „Ich komm' mit zu Dir, morgen, wenn das für Deine Ellies okay ist.“
Ich war etwas verlegen. Es kostete mich etwas Überwindung, doch dann drückte ich ihr auch einen Kuss auf die Wange. Wir setzten uns auf die Couch, guckten Beat Street und sie schlief direkt nach der Santa-Rap-Szene ein.


Was bisher geschah:
Einleitung
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